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Urteil # 2

Grenzen der freien Verfilmung eines Romans

In einem noch nicht rechtskräftigen Urteil (abgedruckt in “ZUM-Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht”, Ausg. 2/99, s.149ff) hat das Oberlandesgericht München den amerikanischen Spielfilm “EINS UND EINS MACHT VIER “(“IT TAKES TWO”) als nicht genehmigte Verfilmung des Kästner-Romans “DAS DOPPELTE LOTTCHEN” beurteilt und die weitere Filmauswertung untersagt. Das Urteil beschäftigt sich mit der Problematik der sogenannten unfreien, und damit zustimmungspflichtigen Bearbeitung eines urheberrechtlich geschützten Werkes (§ 23 Urheberrechtsgesetz) und der Abgrenzung zur generell zulässigen freien Benutzung (§ 24 UrhG). Damit wird eine Frage angesprochen, die Medien- und Filmschaffende gerne dem Urheberrechtler stellen und dieser dann statt klärendem Brot oft nur steinige Antworten gibt, zumeist unter Verweis auf eine Untersuchung der näheren Umstände des Einzelfalls.
Die Urteilsbegründung des Münchner Oberlandesgerichts arbeitet die wesentlichen Leitlinien einer solchen Beurteilung am konkreten Fall heraus und trägt damit zwar nicht unbedingt zu einer allgemein gültigeren Abgrenzung, in jedem Fall jedoch zur Schärfung des Problembewußtseins bei.


Der streitgegenständliche, amerikanischen Film “EINS UND EINS MACHT VIER” schildert die Geschichte zweier neunjähriger Mädchen, die sich zufällig in einem amerikanischen Feriencamp begegnen und sich (zufällig) wie Zwillinge gleichen; die Eine ist arme Waise, die Andere hat einen reichen, verwitweten Vater. Das arme Waisenkind ist in Obhut einer guten Betreuerin, die reiche Halbwaise soll durch eine anstehende Hochzeit des Vaters eine ihr verhaßte, geldgierige Stiefmutter bekommen. Die Mädchen tauschen für einen Tag die Rollen und beschließen danach, Vater und Betreuerin zu verkuppeln, um als Vierer glücklich weiterzuleben. Im dem mehrfach übersetztem und verfilmten Roman “DAS DOPPELTE LOTTCHEN” von Erich Kästner sind die Mädchen tatsächlich Zwillinge, die durch die Scheidung ihrer Eltern früh getrennt wurden und sich dann zufällig in einem oberbayrischen Kinderheim begegnen. Die Mutter ist berufstätig, der Vater berühmter Dirigent, der von einer zickigen Verehrerin umworben wird. Die Mädchen tauschen die Rollen und schlußendlich finden sich Vater und Mutter beider Mädchen wieder.


Das Landgericht München hatte die Klage der Kästner Nachlasses abgelehnt, da die amerikanische Verfilmung nicht in den gesetzlich geschützen Verwertungsbereich des Autors eingedrungen sei. So verwies es auf den Mangel echter Zwillingseigenschaft und damit gemeinsamer Eltern, auch auf die unterschiedlich beschriebenen Charaktere der Mädchen und deren Umgebung. In der zweiten Instanz entschied das Oberlandesgericht den Fall zu Gunsten der Kläger - unter Anlegung der wenigen Kriterien, die von der Rechtsprechung zu dieser schwierigen Abgrenzung entwickelt wurden.
Zunächst stellte das Gericht fest, daß auch Teile eines Werkes für sich schutzfähig sind, soweit sie auf der schöpferischen Fantasie des Urhebers beruhen und seine Individualität zum Ausdruck bringen. Dazu gehören allerdings nicht solche Teile, die Allgemeingut darstellen, wie zum Beispiel das Verwechslungsspiel an sich. Hohe Individualität würde jedoch die im “DOPPELTEN LOTTCHEN” gewählte konkrete Ausgestaltung des Verwechlungsspiels eines sich zufällig treffenden Zwillingspaars, das dadurch geplant seine Eltern wieder zusammenbringt, genießen. Dieser Handlungsablauf wurde als geschützte “Kernfabel” charakterisiert, in deren Bereich die amerikanische Verfilmung ungefragt eingegriffen habe. Weiterhin wurde die vom Bundesgerichtshof entwickelte “Blässe”-Theorie herangezogen, nach der nur dann eine freie Benutzung vorliegt, wenn die schöpferische Eigenart des vorbestehenden Werkes gegenüber den individuellen Züge des neu geschaffenen Werkes “verblasst”. Unter Einbeziehung eines Sachverständigen-Gutachtens untersuchte dann das Gericht die Elemente beider Geschichten und wertete zwischen eher oberflächlichen, nicht beachtlichen Unterschieden und wesentlichen, entscheidungsrelevanten Übereinstimmungen.


Interessant ist, daß das Gericht die Bekanntheit des Kästner-Stoffes betonte, obwohl dies nur indirekt ein Kriterium für die schöpferische Eigenart eines Werkes sein kann. Außerdem wurde - zumindest in dem abgedruckten Urteil und seinem Sachverhalt- zu keinem Zeitpunkt die Frage behandelt, ob den amerikanischen Produzenten bzw.Drehbuchautoren der “Kästner”-Stoff überhaupt bekannt war und es sich möglicherweise um eine sogenannte urheberrechtliche “Doppelschöpfung” handelte, die neben dem vorbestehenden Werk zulässig bestehen kann, da das Urheberrecht keinen Prioritätsschutz kennt. Allerdings gilt die Doppelschöpfung eher als Phantom, weil bisher noch kein Fall gerichtsbekannt wurde, bei dem tatsächlich zwei gleichartige Werke zufällig voneinander unabhängig geschaffen wurden.


Auch nach diesem Urteil läßt sich zusammenfassend feststellen, daß sich die Abgrenzung zwischen einer zustimmungspflichtigen Bearbeitung und der freien Benutzung eines urheberrechtlich geschützten Stoffes schwierig gestaltet und kaum “gerichtssicher” beurteilt werden kann. Bei einer näheren Prüfung ist zunächst untersuchen, was den individuellen, schöpferisch eigenartigen und nicht vorbekannten Kern eines Stoffes darstellt. Das kann nicht allein die Liebesgeschichte einer armen Prostituierten und einem Millionär sein, sondern hinzu muß zum Beispiel der Umstand kommen, daß der Reiche das Mädchen als Begleiterin für einen geschäftlichen Coup engagiert, aus dem gesellschaftlichen Aschenputtel eine Prinzessin kreiert und sich dann in diese “Pretty Woman” verliebt. Hat man diese individuelle Eigenart herausgearbeitet, muss überprüft werden, ob sich die individuellen Wesenszüge des neuen Werkes derart von denjenigen des vorbestehenden Werk abheben, daß diese gegenüber dem neuen Werk ‘verblassen’. Wer also die romatische Liebesgeschichte einer Prostituierten und eines Millionärs neu erzählen will, muß sich schon etwas einfallen lassen, um nicht in den Dunstkreis des Erfolgsfilmes “Pretty Woman” zu gelangen und sich in einem teuren Plagiatsprozeß wiederzufinden, dessen Ausgang an Hand der letztlich vagen Abgrenzungskriterein ungewiß erscheint.

Vorstehendes Urteil war bei Abdruck der Entscheidung noch nicht rechtskräftig. Vielleicht gibt ein Revisionsverfahren dem Bundesgerichtshof die Möglichkeit, in die “Blässe” seiner Abgrenzungskriterien etwas mehr Konturen zu bringen.

© 1999 Thomas G. Müller